Solarex MSX-64
Freiburger Schüler*innen und Lehrer*innen produzieren 28 Jahre lang Solarstrom: Eine Geschichte über Sonnenaufgang und Engagement
Typ: Solarex MSX-64
Hersteller: Solarex
Produktion in Frederick, Maryland, USA
Baujahr: 1996
Leistung: 64 Wp
Zellen: 36 polykristalline Zellen
Gewicht: 7,2 kg
Maß: 1108 x 502 mm mit schwarzem Aluminiumrahmen
Betriebsjahre: 28 Jahre
Anlagenerrichtung: Lehrer*innen (Ulrich Hoffmann, Emil Günnel, Ernst Nolle, Bernd Rudolph, Johannes Walter, Verena Schulte-Frohlinde) und Schüler*innen der Solar-AG der Wentzinger Schulen
Betreiber: WentzSolar e.V.
Geschichte
Dieses Modul steht für mehrere Geschichten: Die Geschichte der Firma Solarex, die das Modul hergestellt hat und die Geschichte des Vereins WentzSolar e.V. Dessen Geschichte soll hier im Vordergrund stehen.

Logo von WentzSolar
WentzSolar e.V.
1997 wurde von Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen der beiden Wentzinger Schulen (Wentzinger Realschule und Wentzinger Gymnasium) der Verein WentzSolar e.V. gegründet. Die Idee war damals und ist auch heute noch genial: „Wir sind eine klimafreundliche und energiesparende Schule“, so stand es lange Zeit über der Eingangstür der Schule. Der Traum dahinter: Eine energieautarke oder sogar engergieplus-Schule.
Die Schüler*innen der Solar-AG bauten, betrieben und experimentierten mit einer schuleigenen Solaranlage. Von den ersten 18 PV-Modulen mit 1,52 kWp im Sommer 1997 wurde die Anlage auf den Flachdächern des Schulgebäudes bis 2009 kontinuierlich auf 48 kWp aus ca. 400 Modulen verschiedener Größen und Typen ausgebaut. Es gab sogar eine V-Trog-Spiegelanlage (V-förmig platzierte Spiegelflächen ober- und unterhalb einer Modulreihe spiegelt zusätzliches Licht auf die PV-Module) und eine drehbare, mit der Sonne mitgeführte Anlage. Die Schüler*innen werteten die Daten der Teilanlagen aus und stellten die Ergebnisse dar.
Finanziert wurden die ersten Anlagenteile durch „Sponsoring Activities“: Durch die jährlichen „Solar-Sporttage“ kamen jedesmal ca. 20.000 DM zusammen. Die Schüler*innen schwammen, liefen und strampelten viele „Sonnen-Kilometer“ und Spender*innen gaben dafür Geld. Wahnsinn, was alles gehen kann, wenn es ganz viele wollen!
Im Jahr 2009 erzeugte die Anlage zum Beispiel 45.428 kWh und erbrachte Einnahmen durch die EEG-Einspeisevergütung von 27.590 DM. Denn die Vision und das Engagement der Vereinsgründer*innen erwies sich auch als profitabel und für sie Schulen finanziell lohnend: Jedes Jahr nahm der Verein mehrere zehntausend DM/Euro ein, die satzungsgemäß ausschließlich für die pädagogische Arbeit mit den Schüler*innen ausgegeben wurde.
Die Schüler*innen und Lehrkräfte der Solar-AG übernahmen selber „das Komplettangebot“: Bau und Betrieb der Anlage, Gestelle bauen, Betonplatten auf das Dach schleppen, Module montieren, verkabeln und anschließen. So konnten viel Generationen von Wentzinger Schüler*innen dabei lernen und sich ausprobieren. Sie konnten sich selbstwirksam erleben und aktiv einen Beitrag für Klima- und Umweltschutz leisten. Diese Projekt sorgte also in mehrerer Hinsicht für ständigen Sonnenaufgang!
Ab 2004 wurden sog. „Energiesprecher*innen“ der 5. bis 8. Jahrgänge in Kooperation mit der Ökostation/BUND ausgebildet. Neben der Solarstromproduktion wurden auch zahlreiche Energiesparmaßnahmen in der Schule umgesetzt: Wärmedämmung, Bewegungsmelder, Leuchtmittelaustausch, Sensibilisierung für Stromsparen und richtiges Lüften. Insgesamt konnte die Schule ihren Energieverbrauch um 30% senken. Durch das sog. „50:50-Projekt“ der Stadt Freiburg blieben 50% der eingesparten Gelder in der Schule und unterstützen den Schuletat, die anderen 50% unterstützen den Etat der Stadt Freiburg. So hätte es weitergehen können…
Warum wurde die Anlage 2025 abgebaut?
In den 2010ern wurden die Wentzinger Schulen komplett saniert, auch energetisch. 2025/2026 kam das Dach dran. Dafür musste die PV-Anlage von WentzSolar abgebaut werden. Die Stadt Freiburg als Schulbetreiberin legte fest, dass nach der Dachsanierung eine stadteigene PV-Anlage gebaut werden soll. Damit findet das Engagement der Solar-AG und von WentzSolar leider ein Ende. Ein pädagogisch und didaktisch höchst wertvolles und vorbildliches Projekt wird durch eine Behördenvorgabe der Stadtverwaltung Freiburg beendet.
Um die vielen alten PV-Module, die durchaus noch gut funktionierten, zu „retten“ haben sich die „WentzSolarteure“ folgendes überlegt: Die noch funktionierenden PV-Module sollen immerhin bei möglichst vielen Schüler:innen und Lehrer:innen zuhause als Stecker-Solaranlagen („Balkon-Kraftwerke“) weiter genutzt werden. Im Sommer 2025 kamen Mitarbeiter der Freiburger Vereine fesa e.V. und BalkonSolar e.V. in die Wentzinger Schule und bauten eine Woche lang mit Schüler:innen der 9. Klassen kleine Solaranlagen, die dann zuhause weiter an der Energiewende arbeiten.
Solarex
Seit 1973 gab es die Firma Solarex in der Stadt Frederick im US-Staat Maryland. Gegründet wurde sie von den aus Ungarn geflüchteten Naturwissenschaftlern und Solarpionieren Joseph Lindmayer und Peter Varadi. Solarex stellte zuerst PV-Module für die Raumfahrt (Satelliten) her, dann auch in sehr guter Qualität für terrestrische Anlagen, ähnlich wie in der Solarfabrik in Freiburg. 1983 war Solarex der weltweit größte Solarzellen-Hersteller mit entsprechendem Knowhow der Mitarbeiter*innen und Ansehen in der Branche.
Auch durch die weltweit aufstrebende Umwelt- und Ökobewegung (Greenpeace, Anti-AKW usw.) und die sog. „Ölkrise“ wurden breite Bevölkerungsschichten auf die fatalen Folgen einer Abhängig von fossilen Energieträgern aufmerksam. Das monopolistische, kapitalistische Geschäftsmodell riesiger Konzerne wurde zunehmend hinterfragt, an (erneuerbaren) Alternativen geforscht und in die Erzeugung von Solar- und Windenergie investiert.
Aber die fossile Energielobby gab sich nicht so schnell geschlagen, wie dieses Beispiel zeigt: Solarex wurde vom damals drittgrößten Erdölkonzern Amoco (American Oil Company) gekauft. So bekam ein „Fossil-Konzern“ großen Einfluss im Solar-Markt. Und so geschah es weltweit mit vielen innovativen PV-Modulherstellern – sie wurden von großen Konzernen aufgekauft.
Als nächstes setzte eine Monopolisierung ein: 1998 fusionierten die Fossil-Konzerne BP (British Petroleum) und Amoco. Die Abteilung „BP Solar“ übernahm dadurch den 50%-Anteil an der Firma Solarex, den Amoco damals hatte. 1999 übernahm BP auch den 50%-Anteil an Solarex, den der Energiekonzern Enron („The World´s Greatest Company“) hatte. Dadurch wurde BP Ende der 90er Jahre zum weltweit führenden PV-Modulhersteller. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt…
Der Produktionsstandort von Solarex in Frederick wurde 2010 geschlossen. Dort produzierten ca. 600 Menschen hochwertige PV-Module. Denn im Jahr darauf wurde „BP Solar“ abgewickelt, weil der Konzern BP sich aus der Solarenergie-Branche komplett zurückzog. Durch finanz- und wirtschaftspolitische Entscheidungen wurden in Europa und in den USA bis zur Mitte der 2010er Jahre die Produktionsstandorte von PV-Modulen im großen Stil abgebaut und zerstört. Andere Weltregionen kauften die Produktionsanlagen und das Knowhow auf: Seitdem kommen ca. 60% der weltweit produzierten Solarzellen und PV-Module aus China.
Wusstest du, dass…
… WentzSolar im Jahr 2014 den „Deutschen Klimapreis“ der Allianz Umweltstiftung verliehen bekommen hat? Und im selben Jahr (2014) das berühmte Buch des Solarex-Mitgründers Peter Varadi „Sun Above The Horizon“ erschienen ist?
… der weltweite Markt für Solar- und PV-Technik (2025) auf ca. eine Billion US$ geschätzt wird? Prognosen bis 2036 gehen dann von ca. zwei bis drei Billionen US$ aus…

PV-Anlage von WentzSolar
Zweites Leben bei VELOHAVEN
Wir haben zwei alte Solarex-Module von WentzSolar geschenkt bekommen, als die Anlage 2025 abgebaut wurde. Von den ursprünglich 38 Modulen dieses Typs, den ersten Modulen der WentzSolar-Anlage, waren diese zwei noch in einem relativ guten Zustand. Eines davon wird zukünftig bei VELOHAVEN an der Fassade Teil des Solarstrom-Kunstwerkes. Damit will VELOHAVEN die geniale und innovative Idee und Geschichte von WentzSolar e.V. und der Wentzinger-Solar-AG in der Öffentlichkeit darstellen und die Erinnerung bewahren. Denn WentzSolar hat 28 Jahre lang die Sonne aufgehen lassen! Ab 2029 geht es hoffentlich bei VELOHAVEN weiter…